Wettbewerb 2019-2020 | Kategorie: Verein/Verband

Likrat - Jugend und Dialog

"Likrat - Jugend und Dialog" ermöglicht deutschlandweit Begegnungen zwischen Jugendlichen. Das Projekt vermittelt auf Einladung ehrenamtliche jüdische Jugendliche an Schulen, um durch den Dialog von Peer zu Peer das oft abstrakte Bild von Juden aufzubrechen und ihnen ein Gesicht zu geben. In einer einjährigen Ausbildung werden die Jugendlichen von professionellen Trainern dafür geschult, mit Gruppen persönlich und individuell über jüdisches Leben in Deutschland zu sprechen.

Projektziele

Jüd*innen sollen als lebendiger Bestandteil der deutschen Gesellschaft wahrgenommen und nicht auf die Schoa reduziert werden. Ziel ist auch Self-Empowerment der jüdischen Gemeinschaft in der deutschen Gesellschaft: sich nicht zurückziehen, sondern offen auftreten; die eigene Identität dadurch stärken, Selbstbewusstsein gewinnen und die eigene Stimme aktiv gegen Antisemitismus und für Demokratie erheben. Schulbesuche finden in möglichst diversen Tandems statt, denn jede*r hat einen eigenen persönlichen Zugang zu häufig nachgefragten Themen wie Religion, Glaube, Antisemitismus, Nahostkonflikt.

Aufgabe der Jugendlichen

Jüdische Jugendliche im Alter zwischen 14 und 20 Jahren besuchen bundesweit selbstständig Schulklassen, um über das Judentum zu sprechen, und wie sie persönlich hier und heute in Deutschland leben. Auf diese Aufgabe werden sie durch ein Training vorbereitet, das 4 Wochenend-Fortbildungen im Laufe eines Jahres umfasst. Im Sinne eines peer-to-peer-Ansatzes finden die Begegnungen unter Gleichaltrigen statt. Der Dialog ist dadurch niedrigschwellig und hilft, ohne erhobenen Zeigefinger stereotype Wahrnehmungen von "den Juden" zu durchbrechen, antisemitischen Ressentiments entgegenzuwirken und ein zeitgenössisches Judentum zu vermitteln. Durch die Konfrontation mit einer anderen Religion und ihren Werten wird außerdem Verständnis und Toleranz für das Judentum, aber auch für andere Minderheiten erreicht - sowohl bei den jüdischen als auch den nichtjüdischen Jugendlichen.
Gleichzeitig wirkt sich die Mitarbeit im Projekt auch positiv auf das eigene jüdische Selbstverständnis und Selbstbewusstsein der jüdischen Jugendlichen aus. Viele jüdische Menschen haben Hemmungen, sich öffentlich als Jüdisch zu bekennen. Halsketten mit Davidstern werden unter dem T-Shirt versteckt oder lieber nur zur Synagoge getragen, im Alltag aber zu Hause gelassen. Presseberichte und eigene Erfahrungen mit verbalen oder tätlichen Angriffen auf Menschen, die im öffentlichen Raum als Juden erkennbar sind, führen weiter zur Verunsicherung und lösen den Impuls aus, sich zu verstecken. Das Projekt bietet engagierten jüdischen Jugendlichen eine Möglichkeit, selbst aktiv zu werden, wenn sie meinen, dass sich klein zu machen und aus dem öffentlichen Raum zurückzuziehen, der falsche Weg ist. Der Kampf gegen Antisemitismus ist zwar eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Jugendlichen, die am Projekt teilnehmen, wollen jedoch nicht tatenlos darauf warten, von anderen beschützt zu werden, sondern wollen proaktiv agieren, um das mühsam wiederaufgebaute junge jüdische Leben in Deutschland zu erhalten. In der derzeitigen politischen Situation ist es ihnen wichtig, sich selbst mit ihrer jüdischen Identität auseinander zu setzen, positive Widerstandsstrategien gegen Antisemitismus zu entwickeln und sich selbstbewusst auch jenseits der Holocaust-Antisemitismus-Israel Debatte mit einer positiven, vielfältigen, individuell gelebten jüdischen Identität im öffentlichen Diskurs zu positionieren.

Projektverlauf

Das Projekt wurde zunächst von Prof. Alfred Bodenheimer (Jüdische Studien) für die Schweiz entwickelt und wird dort seit 2003 vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund durchgeführt.
Das Projekt wollte neue Wege im Bereich der Prävention von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit einschlagen. Anlass war die Erfahrung, dass die offene Thematisierung der eigenen Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft bei Schüler*innen wichtige Reflexionsprozesse in Gang setzte - insbesondere, wenn es sich um einen Dialog unter Gleichaltrigen handelte. Im Konzept des Schweizer
Projekts erkannte der Zentralrat die Möglichkeit, die stereotype Wahrnehmung von
Juden bei nichtjüdischen Jugendlichen durch eine alterskonforme Begegnung mit
jüdischen Jugendlichen zu durchbrechen. 2006 wurde das Projekt nach Deutschland übertragen.
Das Projekt „Likrat – Jugend und Dialog“ war im Auftrag des Zentralrats der Juden von 2007 bis Anfang 2013 an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg angesiedelt und regional tätig. Es wurde im Zeitraum von 2007 bis 2010 im Rahmen des Programms „VIELFALT TUT GUT. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie" im Programmbereich „Modellprojekt: Jugendbildung und Prävention“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.
2012 war „Likrat – Jugend und Dialog“ Preisträger im Wettbewerb „Ideen für die Bildungsrepublik“. 2016 übernahm der Zentralrat die Koordination mit einer Projektstelle und weitete die Projekttätigkeit bundesweit aus. Der Projektansatz ist auf andere Themen und Gruppen übertragbar.

Unser und euer Motto: Vielfalt ist unsere Stärke!

Das Projekt versteht sich non-denominational, inklusiv und gender-reflexiv. Gender-, Diversity-Mainstreaming und Inklusion sind Schwerpunkte in der Ausbildung der ehrenamtlichen jüdischen Jugendlichen. Jüdische Positionen hierzu eröffnen Räume, um das Judentum auch einmal unter ganz anderen Aspekten zu beleuchten als Antisemitismus, Schoa und Nahostkonflikt - nämlich vielfältig, feministisch... In den Begegnungen wird ein möglichst diverses und inklusives Bild des Judentums dargestellt, z. B. indem die Jugendlichen in möglichst diversen Tandems auftreten: männlich/weiblich; liberal/orthodox usw.

111 Stimmen

Infos

Name der Einrichtung

Likrat - Jugend und Dialog - ein Projekt des Zentralrat der Juden in Deutschland KdöR

Website »

Ort

Berlin

Bundesland

Berlin

Durchschnittl. Alter der Teilnehmer

16